Brian De Palmas Redacted – (Ab-)Bilder des Krieges

Redacted

Brian de Palmas Redacted ist ein Film, der zum Nachdenken über die heutigen mediale Bildsprache des Krieges anregt. Geschickt nutzt De Palma fiktives Material wie Youtube-Videos, Bilder von Überwachungskameras und Dokumentarsequenzen, um einem Kriegsverbechen nachzuspüren. Dabei behindert der Krieg der Bilder die Suche nach der Wahrheit.

Ein Filmessay von Helge Scholz

Können Filme töten? Vor der US-Kinoauswertung von Redacted im November 2007 kritisierte der Rechtspopulist Bill O’Reilly in seiner Fernsehsendung The O’Reilly Factor den Regisseur des Films, Brian De Palma und den Produzenten und Mitbesitzer von Magnolia Pictures, Mark Cuban, scharf. In der mehrwöchigen medialen Auseinandersetzung rügte O’Reilly die beiden Filmemacher als unamerikanisch und befürchtete, dass der Film amerikanische Soldaten weltweit der Gefahr von Vergeltungsaktionen aussetze. O’Reilly sagte:
„This movie Redacted is gone be put on Al Jazeera, Al Arabiya. It’s gone be all over the world, not the whole movie just the rape and the murder of the 14-year-old iraqi girl, her family”.

Am 2. März 2011 erschoß ein Attentäter am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Unmittelbarer Auslöser der Tat sei nach Angaben des Täters ein Video auf YouTube gewesen, das die Vergewaltigung und Ermordung eines irakischen Mädchens durch amerikanische Soldaten zeige. Die polizeiliche Untersuchung ergab, dass es sich bei dem angegebenen Video um eine Szene aus Brian De Palmas Film Redacted handelte.

Die geschilderten Reaktionen auf De Palmas Kriegsdrama doppeln das konzeptionelle Moment des Films und verweisen mithin auf die Krux zeitgenössischer Kriegsdarstellungen. Ein fiktionaler, aber an einem authentischen Vorfall orientierter Film, der einen dokumentarischen Gestus nachahmt und so ein reales Attentat auslöst. Es ist eben diese ‚Komplizenschaft’ von Fiktionalität und Faktualität, ihren Verwerfungen und Ununterscheidbarkeiten, die der Film selbst zum Thema macht.

Redacted begleitet eine fiktive Einheit der amerikanischen Armee, die im irakischen Samarra stationiert ist. Die Routine aus alltäglicher Inspektion von verdächtigen Fahrzeugen an einem US-Checkpoint und Langeweile im Basislager wird durch den Tod eines Mitglieds bei einem Sprengstoffanschlag durchbrochen. Die Einheit begibt sich daraufhin auf eine Vergeltungsmission, an deren Ende die Vergewaltigung und Tötung eines 14-jährigen irakischen Mädchens und ihrer Familie steht. Was De Palma an dieser Geschichte, die auf einem Vorfall in Al-Mahmudiyya basiert, besonders interessiert, ist die Art und Weise wie Medien die Fakten des Krieges darstellen oder besser gesagt, welche Authentisierungsstrategien sich in Zeiten medialer Diversität herausgebildet haben, um etwas zu generieren, das dann als ‚faktisch’ angenommen wird. De Palma fühlt der medialen Vermittlung des Krieges auf den Zahn.

In der Frage nach seiner eigenen Medialität reflektiert der Film unmittelbar den ontologischen Status der Kriegsbilderflut, welcher sich der Zuschauer heute ausgesetzt sieht. Die multiplen (Ab-)Bilder des Krieges generieren ihrerseits einen ‚Bilderkrieg’ im Kopf des Zuschauers, der eine Orientierung an der Differenz Wahrheit/Fiktion unmöglich zu machen scheint.

Dank der modernen Kommunikations- und Bildplattformen des Internets ist die audiovisuelle Monopolstellung’ des Fernsehens und die Informationsgewährleistung der Printmedien ins Wanken geraten. Und mehr noch, durch die großflächige gouvernementale und militärische Unterstützung US-amerikanischer Pressevertreter als ‚embedded journalists’ zu Beginn der ‚Operation Iraqi Freedom’ hat gerade die US-Presse ihren emanzipatorischen Nimbus, den sie durch die kritische Berichterstattung am Vietnamkrieg erworben hatte, verspielt. Von dem Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Medien profitieren die ‚neuen’ Webmedien, deren ‚augenscheinlich’ ungefilterte Unmittelbarkeit eine maximale Authentizität suggeriert.

De Palmas Redacted rückt das Problem der alten und neuen medialen Vermittlung des Kriegs in den Vordergrund, indem er seine eigenen Bilder aus der im Film portraitierten Welt, der Diegese, ‚entleiht’. Die Ereignisse rund um das von den Soldaten verübte Massaker setzten sich aus einer Vielzahl divergenter Bildquellen zusammen. Camcorderaufnahmen, Helmkameras, Webcams, Sicherheitskameras, Propaganda- und Handyvideos sowie als Königsdisziplin der Ästhetisierung, ein französischer Dokumentarfilm, komplett mit Off-Kommentar und bedeutungsschwangerer musikalischer Untermalung durch Händels Sarabande. Die dokumentarische Geschliffenheit bildet den deutlichsten Kontrast zu den eher roh aufgemachten ‚Zweitmaterialien‘. Der stilistische Gestus der Dokumentation scheint noch einmal den Anspruch einer möglichst wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe der Geschehnisse Hohn zu sprechen; zu inszeniert, zu krampfhaft intellektuell erscheint ihre Vorgehensweise. Spätestens die neuen Medien des 21. Jahrhunderts entlarven die herkömmlichen Dokumentationen als ebensolchen Teil der Fiktion wie der inszenierte Spielfilm. Nun geht es De Palmas Film aber nicht um eine Verschiebung. Die Polyperspektivität der Quellen wird nicht zum Retter der Wirklichkeit. Im Gegenteil: Die kaleidoskopische Fragmentierung von Redacted spiegelt die Bilder(über)fülle der Gegenwart, in dem die verschiedenen Bildquellen nebeneinander und gleichwertig existieren. Beständig hinterfragt Redacted sein Material, stellt ihre Inszenierung und Fiktionalität aus. So fordert ein Soldat den bei der Spielfilminszenierung üblichen Marker ‚Action’, bevor er vor der Kamera agiert. An anderer Stelle vertritt der Soldat Salazar, der seinen Auslandseinsatz mit der DV Cam dokumentiert, um sich so an einer Filmhochschule zu bewerben, die Meinung, dass seine „camera never lies“. Ein anderer Soldat weist ihn zurecht. Die Kamera hätte nie etwas anderes getan, als zu lügen.

Szene aus dem FilmSzene aus dem FilmRegisseur Brian De Palma

Redacted generiert sich als medienreflexives Vexierspiel, das die Authentisierungsstrategien seiner pseudodokumentarischen Nacherzählung und die realen Vorfälle vom März 2006 in Al-Mahmudiyah (nicht in Samarra, wie der Film nahe legt) von Beginn an offen in Konflikt treten lässt. Die einleitende Texttafel stellt den Film als Fiktion aus und betont, dass das Gesehene nicht mit den tatsächlichen Ereignissen verwechselt werden dürfe, bevor der Film sich selbst ‚redigiert’ und ein Wort nach dem anderen schwärzt, ironisch beginnend mit dem Wort ‚fiction’.

Redacted sabotiert die Vorstellung, einer authentischen, außerfilmischen Realität mithilfe eines wie auch immer gearteten Abbildungsverfahrens nahezukommen. Die Dokumentation über den Irakkrieg ist ebenso fiktional wie die diversen Internet- und Camcordervideos, die sich anmaßen, ihre stilistische Differenz, ihre suggerierte Nähe führe bereits zu einem ‚wahren’ Verständnis des Krieges. De Palmas Inszenierung legt Nahe, dass eine Orientierung über den Status ihrer ‚filmischen‘ Wirklichkeit hinaus nicht gelingen kann. Redacted eignet sich den ästhetischen Gestus der Web- und Videokommunikation reflexiv an und entwirft auf diesem Wege eine Abbildungs- und Medienkritik, die das Rezeptionsdilemma ausspricht. Die zersplitterten Wahrnehmungsverhältnisse der medialen Vermittlung kündigen die traditionelle Erzähl- und Verstehensordnung auf, zu deren Komponenten auch immer die Scheidung von Fiktion und Wahrheit gehörte. Redacted erzählt von einer Rekonstruktions- und dahingehend auch von einer rezeptionellen Funktionskrise der Bilder (und Narrative) im Angesicht eines Überangebots medialer Dokumente.

Fotos: http://www.redactedmovie.com

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