Californium – Philip K. Dicks ludischer Doppelgänger

Californium

Mit Californium erscheint seit langem wieder ein Spiel, das sich dem stilprägenden Science Fiction Autor Philip K. Dick widmet. Jedoch handelt es sich um keine Roman- oder Filmadaption, sondern um eine Meta- Erzählung über den Autor selbst, produziert von Arte Creative. Kann das Spiel dem Autor damit gerechter werden als die zahlreichen actionorientierten Verfilmungen?

Philip K. Dick wird wohl immer modern sein. Mit Minority Report, den Vorlagen zu Blade Runner und Total Recall und The Man in the High Castle schuf er Klassiker der Science Fiction Literatur, die auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben und die Probleme unser technisierten Welt zu adressieren scheinen. Er schuf Sci-Fi Universen, gefüllt mit philosophischen Konzepten, mit sich überlagernden Identitäten und doppelten Böden. Werke die fragen, was es bedeutet ein Mensch zu sein und ob Maschinen träumen können, in denen seine Protagonisten wie ein Testsubjekt einer anderen, unmöglichen, und dem Leser doch irgendwie beunruhigend vertrauten Realität ausgesetzt werden.

Philip K. Dick und Verfilmungen – Eine Hass-Liebe
Dicks Biografie ist geprägt von finanziellen Schwierigkeiten, Drogen, Scheidungen und mentalen Problemen, die er in seinen späteren, mit autobiografischen Elementen versehenen Werken, wie
Valis oder auch A Scanner Darkly verarbeitete. Eine ebenso schizophrene Identität, eine Parallelwelt, entwickelt sich zwischen seinen Büchern und ihren Verfilmungen:

Abgesehen von Blade Runner, dem die Adaption seiner philosophischen Prämisse gelingt, könnte in Anbetracht von Filmen wie Total Recall, Minority Report, Paycheck und Next der Eindruck entstehen, Dicks Werke wären buchgewordene Sci-Fi Actionfilme. Der Grund dafür, das fast alle seine Werke als Sci-Fi Actioner verfilmt wurden, beruht wohl auf der Tatsache, dass Sci-Fi Filme immer stark mit dem Actiongenre assoziiert werden: Eine nicht immer nachvollziehbare, aber historisch gewachsene Genrekonvention. Nur selten finden sich geerdete Verfilmungen, die mit ihrer weniger stringenten Erzähllogik dem Geist ihrer Vorlage gerecht werden, wie z.B. A Scanner Darkly (2006). Die Verfilmungen von Dicks Werken erzeugten zudem eine visuelle Identität, vorrangig geprägt durch die stilprägende Neo-Noir Ästhetik von Blade Runner, die wir nun untrennbar mit seinem literarischem Werk verbinden.
Den späten Erfolg von Ridley Scotts Blade Runner (1982) konnte Philip K. Dick nicht mehr erleben, er verstarb in dessen Erscheinungsjahr. Der Verkauf der Filmrechte zu Blade Runner verschaffte ihm erstmals in seiner prekären Karriere finanzielle Sicherheit.

Im Gegensatz zu Filmen begegnet uns Philip K. Dick selten in Spielen. Ubik (1998) ist einer der wenigen Adaptionen, die auf einer Buchvorlage basiert. Meistens handelt es sich jedoch um Filmadaptionen wie Blade Runner (1997) und Minority Report: Everybody Runs (2002). Dieser Konsolentitel ist das zuletzt erschienene, im Universum des Autors angesiedelte Spiel und ist immerhin schon 14 Jahre alt. Doch mit Californium kehrt das Universum des Philip K. Dick nun wieder auf unsere Bildschirme zurück.

Californium
Das Spiel ist keine Adaption eines Werks von Philip K. Dick, sondern bildet ein Amalgam aus biografischen Elementen und den fiktionalen Welten des Autors. In
Californium schlüpfen wir in die Rolle von Elvin Green, einem gescheiterten Autor mit eindeutigen biografischen Bezügen zu Philip K. Dick. Schreibblockade, Ehekrach, Drogenprobleme und ein sich verschlechternder Geisteszustand sind nicht die einzigen Hindernisse, die sich dem Autor in den Weg stellen. Aber zum Glück gibt es da ja die parallelen Universen, in die er schlüpfen kann.

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An einer Schreibmaschine in Berkeley des Jahres 1967 beginnt das Spiel in der Wohnung Greens. Und wir sind es, die hier, als erstes Gameplayelement jedes Levels, seine Texte auf der Schreibmaschine nachtippen. Greens Wohnung und der umgebende Straßenzug bilden die überschaubare Spielwelt, die wir erkunden können. In den Paralleluniversen finden wir uns ebenso in Greens Wohnung und seiner Nachbarschaft wieder, jedoch nimmt diese, ebenso wie die sie bevölkernden Charaktere, jedes mal überraschende neue Formen an. Die Paralleluniversen sind angelehnt an die fiktionalen Welten des Autors. In jedem der vier Level kann der Spieler ein anderes Universum erkunden, vom drogengeschwängerten Kosmos des Jahres 1967 (als Verweis auf A Scanner Darkly und Dicks Biografie), über einen totalitären Staat (The Man in the High Castle), bis hin zu fremden Planeten wie im Film Total Recall. Unzähligen Referenzen auf Dicks berühmte und auch weniger bekannte Werke sowie auf seine Biografie, warten darauf vom Spieler entdeckt zu werden.

Das Spiel präsentiert sich in einem knallig bunten Grafikstil, der zwischen Comic- und Drogentrip- Filmästhetik a la A Scanner Darkly (2006) oszilliert. Die französischen Entwickler von Darjeeling Productions wollen damit bewusst ein Zeichen gegen die geläufige, finstere Noir Ästhetik Blade Runner’s (1982) setzen und sich mehr an europäischen Comicvisionären wie Moebius orientieren. Im Spiel dominiert ein kindlich-naiver Farbenrausch, dessen psychedelische Wirkung noch durch die unterschwellig blubbernde Soundkulisse unterstrichen wird.

Gameplay & Design
Californium
ist ein Exploration- Game, das eine Glitch- Ästhetik einsetzt, um die Bruchstellen zu den alternativen Realitäten zu markieren: In Form von flackernden Lichtern, glitchenden Objekten und ungewöhnlichen Schatten. Wenn wir diese Bruchstellen aktivieren, schält sich ein Ausschnitt der Parallelwelt sphärenförmig in unsere Spielwelt und gibt uns Hinweise, was uns im nächsten Level erwartet. Diese Bruchstellen aufzudecken stellt die Hauptaufgabe für den Spieler dar, wie in einem Puzzle gilt es, den richtigen Ansatz zum Aufdecken zu finden. Zum Beispiel müssen wir uns der Bruchstelle aus einem spezifischen Winkel nähern oder Elemente zuvor in der richtigen Reihenfolge betrachten.

Die zweidimensionalen Comic-Charaktere in der Spielwelt sprechen mit uns, jedoch gibt es keine Dialogoptionen und kein Inventar. Das reduzierte Spielprinzip soll helfen, die Hemmschwelle für Nicht-Gamer gering zu halten. Außerdem gilt es hier, statt spielerische Skills auszuleben, sich auf die Atmosphäre der Spielwelt einzulassen und diese, getrieben von der eigenen Neugierde, zu entdecken, ähnlich wie in Dear Esther oder Gone Home. Californium stellt also kein komplexes Adventure, sondern eine Reise in eine interessante Spielwelt, die uns dem Autor hinter dem Werk näher bringen kann, aber ebenso auch dazu anregt, seine Werke, abseits des filmischen Paralleluniversums, neu zu entdecken.

Zum Teil gelingt es den Entwicklern, diese Prämissen zu erfüllen: Vor allen die ersten beiden Welten beeindrucken durch ihre stimmige visuelle Gestaltung und ihr Sounddesign. Die Verweise auf Dick und sein Werk sind teils gelungen und subtil, teils begegnen wir auch klischeehaften popkulturellen Zitaten. Ein allwissender Erzähler kommentiert ähnlich wie in The Stanley Parable unsere Handlungen, ohne jedoch dessen süffisante Qualität zu erreichen. Die in einem Sci Fi Mars Setting spielende dritte Spielwelt wirkt hingegen bereits etwas uninspiriert, ebenso wie das Finale, dass einen etwas angestrengt wirkenden Mindfuck Mashup der vorherigen Welten bietet und sehr kurz ausfällt.

Das Gameplay selbst hält beim Spielen oft davon ab, einfach die Spielwelt zu genießen. Häufig läuft man angestrengt umher, um das letzte freizulegende Symbol zu suchen, das endlich den Levelfortschritt ermöglicht. Trotz seiner Reduktion ist das Puzzle-Gameplay zu präsent und unausgereift, um wirklich Spaß zu machen. Es ist sogar die größte Bremse die den Spieler davon abhält, die Spielwelt einfach zu genießen. Eine Hinwendung zum Adventure Genre oder ein radikaler Verzicht auf Gameplay hätte dem Spiel gut getan. Dennoch haben die Entwickler in Anbetracht des geringen Budgets gute Arbeit geleistet.

Californium erschien ab dem 16. Februar 2016 in Form von kostenlosen Einzelepisoden auf creative.arte.tv. Alternativ kann auch das gesamte Spiel bei Steam erworben werden.

Das der Kultursender Arte als klassisches Fernsehformat das Computerspiel als Kulturgut entdeckt, ist eine großartige Entwicklung. Neben dem gelungenen Type:Rider (2013) zur Geschichte der Typografie wird Arte auch in Zukunft interessante Spielerfahrungen koproduzieren, schon bald erschienen unter dem Label Arte Creative weitere Spiele wie z.B. The Reversal und Hotel.

Arte setzte Californium als Teil einer medienübergreifenden Philip K. Dick Retrospektive ein, die neben dem Spiel auch einen klassischen Dokumentarfilm (Philip K. Dick und wie er die Welt sah), als auch den sehenswerten 360 Grad Film I Philip beinhaltet. Es lohnt sich also definitiv, weitere spannende Crossmediaprojekte des Senders im Auge zu behalten.

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