Clive Barker’s Undying – Der untote Shooter

Kapitel des Spiels (Spoiler!)

Jedes Kapitel des Spiels ist einem der Geschwister Jerimiahs zugeordnet. Am Anfang von Undying begibt sich der Spieler auf die Suche nach Jerimiahs vampiristischer Schwester Lisbeth. Patrick Galloway folgt ihr über ein Mausoleum zu einer Klosterruine. Der Spieler kann sich in der riesigen Anlage frei bewegen und Rätsel lösen. Hier bietet das Spiel gelungene Einfälle wie eine Zeitreise ins Mittelalter: Wir besuchen das Kloster vor seiner übernatürlichen Zerstörung. Da der Spieler bereits mit der Architektur der Ruine vertraut ist, fällt die Orientierung im erhaltenen Kloster leichter. Zurück in der Gegenwart treten wir Lisbeth im Duell in den Katakomben entgegen.
Das Spiel scheint nun zum Ende zu kommen, doch der Eindruck täuscht. Es liegt erst ein Drittel hinter uns! Für einen Shooter ist Undying ungewöhnlich lang. Es bietet neben vielen Schauplätzen eine Spielzeit von ca. 12-18 Stunden. Die Qualität der einzelnen Episoden schwankt etwas, jedoch bleiben sie stets abwechslungsreich und bieten Variationen der Gameplaymechanik. Im Folgenden kommt es zum stakattoartigen Wechsel der Genres: Wir bekämpfen in einem nahegelegenen Piratennest (!) Jerimiahs Bruder Ambrose, steigen in das Atelier des Künstlers und untoten Scherzbolds Aaron ein und in die lovecraftsche Parallelwelt des dunklen Magiers Otto Keisinger.

Diese Episode, Oneiros, bildet unzweifelhaft einen spielerischen Höhepunkt. Es ist eine Welt aus orientalisch anmutenden, frei schwebenden Tempeln und Ruinen, bewohnt von bizarren Vogelwesen. Wege aus einzelnen Platten entblättern sich vor unseren Augen aus dem Nichts. Galloway erlangt in dieser Welt die Fähigkeit zu fliegen, was Aufgrund der gähnenden Abgründe auch bitter notwendig ist. Wir reisen über Portale in  unerreichbare Gebäude und lösen Rätsel. Diese Welt ergeht sich ganz phantasmagorischen Vorstellungen und weist deutliche Parallelen zum Werk Clive Barkers auf. Die grelle Farbästhetik Oneiros ähnelt der des ersten Hellraiser Films, die labyrinthische unlogische Architektur der der Höllenwelt aus Hellraiser 2: Hellbound.

Oneiros Der Ex Gouverneur von Kalifornien hat einen Gastauftritt Ein Treffen mit Bethany Monotonie im letzten Kapitel

Die abschließende Episode um Bethany bildet jedoch einen Dämpfer der spielerischen Hochgefühle. Diese setzt sich tonal und spielerisch stark von den bisherigen Episoden ab. Sie spielt in einer steinzeitlichen Felslandschaft, bevölkert von kanibalistischen Cro- Magnon Menschen. Ständig lebt man in der Erwartung hinter der nächsten Ecke Conan zu begegnen.
Einem linearen Pfad folgend stapfen wir durch endlose Schluchten und Höhlen und besiegen starke Gegner. Das Gameplay verflacht, das Scrye bleibt ungenutzt, Monotonie macht sich breit. Passenderweise werden die Landschaft und Gebäude auch monolithischer, das Gameplay kommt mit der Umgebung in dumpfen Einklang. Die Architektur verliert ihren Zweck. Gebäude beherbergen keine Gameplaymechaniken mehr sondern nur noch Bonusgegenstände in zerschlagbaren Gefäßen. Das abschließende Duell mit Bethany bildet einen herausfordernden Abschluss. Alle Geschwister besiegt? Nein, auf das Finale folgt ein weiteres Finale. Undying weiß zu überraschen.

Fazit

Undying spielt sich furios und erst im Schlussakt geht dem Spiel etwas die Puste aus. Aus dem Anfangs stringent entworfenen Universum einer Gothic Horror Novel brechen immer mehr Subplots hervor, die sich nicht in ein kohärentes Gesamtkonzept fügen, doch das Spiel bleibt stets spannend und abwechslungsreich. Das Gameplay wartet mit einer Fülle innovativer Ideen auf. Einige Redundanzen stören jedoch, wie der häufige Einsatz nahezu anachronistischer Schlüsselrätsel wie im Genreveteranen Doom. Was Undying jedoch besonders auszeichnet ist die geniale Verknüpfung verschiedener Elemente: Feuerkraft und Magie, lebendige und untote Gegner, Gegenwart und Vergangenheit, Gothic Horror und Cosmic Horror. Das Scrye.

Hinzu kommt eine umfassende Geschichte, die sich dem Spieler nach und nach durch Cutscenes und Tagebucheinträge erschließt. Im Bezug auf das Setting erscheinen eine Reihe von Parallelen zu Realms of the Haunting, dem 1996 die ungewöhnliche Fusion von Shooter, Full Motion Video und Point & Click Adventure glückte.

Die Kombination von Feuerkraft und Sekundärfähigkeiten (wie Magie, Schilde, schnelleres Laufen etc.) hat eine Weile gebraucht um große Popularität zu erlangen. Sie findet sich heute in der Bioshock– und der Crysis Reihe wieder. Das in Vergessenheit geratene Undying ist einer der außergewöhnlichsten und gruseligsten Shooter aller Zeiten, die Gründe seines Misserfolgs liegen in den Sternen.

Eine mögliche Erklärung: Der Fluch der Covenants hat auf die Datenträger übergegriffen. Denn die Original CD-ROM des Spiels verweigert manchmal unverhofft den Start. Dann hilft auch keine Neuinstallation mehr. Schuld daran ist der rigide Kopierschutz, der hin und wieder den originalen Datenträger plötzlich nicht mehr erkennt. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an EA. Zum Glück ist Undying inzwischen bei GOG.com DRM frei erhältlich und harrt seiner Entdeckung durch die Spieler. Auch nach einem Jahrzehnt ist das Spiel noch immer großes Kino.

Screenshots und Titelmotiv: © Clive Barker’s Undying, Electronic Arts 2001

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